Offener Brief des Vereins
"Bürgerinitiative - Schutz intakter Lebensräume Espenfeld, Gossel und Umgebung"

Wir, die Bürger von Espenfeld und Gossel, lehnen den Neubau einer Straße durch unberührte Wälder, Wiesen und Felder ab und fordern den Erhalt der bestehenden Straßenverbindung von Crawinkel nach Arnstadt.

Begründung unserer Forderungen:
 

  1. Natur- und Umweltschutz

  2. Beide Orte haben ihren dörflichen Charakter erhalten und sind im Regionalen Raumordnungsplan (RROP) als potentielle Fremdenverkehrsgebiete ausgewiesen. Daher sollte die Erhaltung dieser Refugien bei allen Überlegungen die höchste Priorität genießen .

    Die Gemeinden Espenfeld und Gossel sind von einer unberührten Natur, in Espenfeld z.B. vom NSG Gottesholz (Totalreservat) umgeben. Die umgebende Landschaft ist geprägt durch Trockenwälder auf Kalkboden, Buchen-Eichen-Wälder, Mischwald mit Wacholderbständen, klein strukturierte Landwirtschaft sowie extensiv genutzte trockene Hangbereiche (Schafhutung). Wir finden hier eine Vielzahl kleinräumig unterschiedliche Lebensräume für seltene Pflanzen- und Tierarten (z.B. Orchideen, Enzian, Diptam, Silberdisteln, Schleichen, Schrecken, Falter, Vögel etc.). Dieses Gebiet hat eine wichtige Verbindungsfunktion für die Lebensräume und damit für den Artenaustausch zwischen dem Hochplateau von Gossel, dem Alteburgmassiv, dem Plaueschen Grund sowie von Teilen des FFH-Gebietes Nr. 63 "Truppenübungsplatz Ohrdruf".

    Die Zerschneidungswirkung, die nicht zu verhindernden Imissionen und die Verlärmung des Gebietes durch den Neubau einer Straße würde zu nicht ausgleichbaren Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft führen. Zumal auch die ehemalige "Kommunalstraße" von Gossel nach Espenfeld durch ein hochsensibles Waldgebiet (FFH-Gebiet NSG) führt. Dieser forstwirtschaftlich genutzte Weg ist nicht befestigt und wird, mit einer Breite von ca. 3,50-4,00 m, den Anforderungen einer Kreisstraße in keiner Weise gerecht. Für einen Ausbau wären erhebliche Eingriffe in den vorhandenen alten Gehölzbestand notwendig. Diese ehemalige Straße ist in den Straßenkarten des Thüringer Landesamtes für Straßenbau nicht mehr als Straße verzeichnet. Wir gehen daher davon aus, daß eine möglicherweise früher vorhandene Widmung nicht aufrecht erhalten wurde.

    Die Jonastalstraße (L1O46) verläuft zwar im östlichen Randbereich des FFH-Gebietes Nr. 63 "Truppenübungsplatz Ohrdruf" (5 993 ha). Hier besteht jedoch seit Jahrzehnten Natur und Straße neben einander. Die Felsformationen, die Trockenwälder und die Trockenrasenhänge haben sich mit ihrer Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten entlang der Straße etabliert. Eine weitergehende Gefährdung ist nicht ersichtlich.

    Dieses trifft insbesondere dann zu, wenn dieses Gebiet weiterhin für den kleinräumigen Verkehr mit Tonnagebegrenzung vorbehalten bleibt.

    Für eine neue Trasse notwendige Rodungen, Geländeverbrauch, Geländeversiegelungen, Veränderungen Wasser führender Schichten usw. stehen in keinem Verhältnis zu den Eingriffen im Rahmen der Sanierung der derzeitigen Trassenführung.
     
     

  3. Verkehr

  4. Die Tallage der jetzigen Straße im Jonastal, mit dem stetigen sanften Anstieg, sichert einen problemarmen Verkehr vor allem in den Wintermonaten. Eine Verlegung würde im Bereich des Neuen Tales von Siegelbach, mit der extremen Steigung und den unübersichtlichen Kurven, ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko darstellen. Die Verbreiterung und Begradigung dieser Strecke ist, wenn überhaupt, nur mit massivsten Eingriffen in die Natur möglich. Eine veränderte Trassenführung enthält, je nach Variante, weitere erhebliche Steilanstiege, Steigungen wie sie auf der derzeitigen Trasse durch das Jonastal nicht vorhanden sind. Die Kammlage zwischen Gossel und Crawinkel ist für Schneeverwehungen besonders anfällig. Die Erreichbarkeit der Orte Gossel und Crawinkel wird bei Schneelage erheblich verschlechtert. Mit einem erheblich erhöhten Aufwand für den Winterdienst muß gerechnet werden.

    Der Richtungsverkehr der B4 von Erfurt kommend in Richtung Crawinkel, Oberhof, Suhl usw. oder umgekehrt, würde durch die gesamte Innenstadt Arnstadts geleitet werden und dort zu steigenden Staus und Umweltbelastungen führen.

    Ein, hinsichtlich der Tonnage, unbegrenzter Ausbau zieht, neben dem PKW-, auch den Fern- und Schwerverkehr (u.a. aus den Gewerbegebieten Ohrdruf-Schwabhausen) in Richtung Coburg bzw. BAB 71 auf die geplante Straße. Damit einher gingen zusätzliche Belastungen dieser hochsensiblen Landschaft und immense Belästigungen der an dieser Strecke liegenden Ortschaften (Ohrdruf, Crawinkel, Gossel, Espenfeld, Siegelbach, Dosdorf), die weit über die gegenwärtigen Belastungen hinaus gehen würden.
     
     

  5. Gewässerschutz

  6. Weite Teile der neu angedachten Trassen sind Trinkwasserschutzgebiete. Verschmutzungen im Bereich der neuen Trassenführungen fließen zum überwiegenden Teil direkt in das Jonastal, aber auch in das Plauer Gebiet ab. Das Hochplateau von Gossel speist den Plauer Spring, welcher durch Schadstoffeintrag ebenfalls massiv betroffen wäre. Die Verkarstung (mittlerer Muschelkalk) des Untergrundes und das in diesen Gebieten auftretende Schichtwasser bieten keine ausreichenden Filtereigenschaften, so das ebenfalls ein kostenintensiver, das Grundwasser schützender, Ausbau nach RiStWag notwendig wird. Aus hydrogeologischer Sicht ist im Harvariefall der Gewässerschutz in der Tallage des Jonastales technisch besser beherrschbar als in der Höhenlage. Zumal in diesem Falle das Gebiet um Plaue und das Jonastal betroffen wäre. Der Gewässerschutz sollte mit einem konsequenten Verbot von Gefahrguttransporten durch das Jonastal erreicht werden.
     
     

  7. Bürgerschutz

  8. Nicht unbeachtlich ist auch der politische Schaden der durch die Verwendung öffentlicher Mittel für zweifelhafte Projekte entsteht. In den Altbundesländern, und nicht nur dort, werden erhebliche Mittel für die weiträumige Verlagerung des Verkehrs aus den Wohnbereichen der Bürger ausgegeben. Ein Anachronismus stellt dabei die angedachte kostenintensive Verlagerung des Verkehrs in die Wohngebiete der Bürger dar. Espenfeld und Gossel haben bereits die bestmögliche Ortsumgehung!
     
     

  9. Wissenschaft

  10. Mit erheblichem privaten Engagement und mit Unterstützung der Stadt Arnstadt konnte 1999 eine Sternwarte in Espenfeld eingeweiht werden. Diese Sternwarte ist in internationale Forschungsprojekte eingebunden und stellt eine Bereicherung des kulturellen Lebens Arnstadts und Umgebung dar. Die Neutrassierung der Straße hätte erhebliche Auswirkungen auf die Beobachtungsmöglichkeiten des gestirnten Himmels. Neben zusätzlicher Staubbelastung schränkt die zu erwartende Aufhellung des Umfeldes und die durch den Fahrzeugverkehr verursachten Erschütterungen die Möglichkeiten der Sternbeobachtung in erheblichem Maße ein.

    Der Verein "Bürgerinitiative - Schutz intakter Lebensräume Espenfeld, Gossel und Umgebung", welche sich auf die überwältigende Mehrheit der betroffenen Bürger stützen kann, fordert alle Entscheidungsträger auf, unsere Bedenken ausreichend zu berücksichtigen und unmittelbar in einen Dialog mit den Betroffenen einzutreten.


Espenfeld, 02.03.2002
 

Volker Herzberg          Günter Loibl             Hartho Köllmer

Vorstand des
Vereins "Bürgerinitiative - Schutz intakter Lebensräume Espenfeld, Gossel und Umgebung"